„Wenn man nicht ganz blöd ist, sollte man es schaffen“, sagt sie und genau diese Worte erzeugen ein ungutes Gefühl in meiner Magengegend. Ich fühle mich beobachtet. So als ob alle Blicke auf mir lasten. Jetzt muss ich performen. Darf keine Fehler machen. Schließlich will ich diesen Stempel des Versagens nicht wie ein Anzeigenschild auf meiner Stirn tragen.

Die Leuchtschrift der verschiedenen Solarien brennt sich in meine Augen ein und die Worte der Mittvierzigerin mit hartem Berliner Akzent und leicht krausem Haar, die mir unterdessen die neue Self-Tanning-Sensation erklärt, erklingen nur noch wie Schallwellen aus der Ferne. Meine Hände sind schwitzig. Mit einem „Verstehste dit?“ holt sie mich aus meinen Träumereien zurück. Ich nicke schnell und verschwinde in die Kabine. Ich lasse meinen Blick kurz um mich schweifen, entdecke die aufgeklebten Füße in der Kabine, die mir die Schrittreihenfolge erklären soll und vergesse unter diesem Leistungsdruck die Tür hinter mir zu verschließen, während ich bereits dabei bin mich zu entkleiden. Als es schon fast zu spät ist, durchdringt mich erneut ihre schrille Stimme „Weste schon dat man dich sehen kann wa?“. Am liebsten wäre ich im Boden versunken. Stattdessen schlage ich für einen Moment die Hände vor meinem Gesicht zusammen und frage mich, wozu ich mich da wieder habe überreden lassen?! Bereits als meine Chefin mich voller Euphorie bat diese Neuheit auszuprobieren, sah ich die ganzen „Unfälle“ – Frauen, die ihren Ton leider komplett verfehlt hatten und so tagelang in ein hässliches Orange getaucht herumlaufen mussten – vor meinem innerlichen Auge.

Self-Tanning

Da ich nicht genauso aussehen will, wie die Frauen aus meiner Vorstellung, und Rückzug jetzt keine Option mehr ist, gilt es die Konzentration zu wahren. Also trete ich mit beiden Füßen in die Kabine. Die verschiedenen Fußkombinationen, die auf dem Boden aufgeklebt sind, erinnern mich dabei eher an das Tanzspiel aus dem Film Kissing Booth. Ich stehe also nackt in einer Kabine, die mich mit einem netten „Guten Tag. Bitte stellen Sie den linken Fuß auf Nummer eins und den rechten Fuß auf Nummer zwei“ begrüßt. Mein Kopf ist gegen die Wand gerichtet und als ein Piepen ertönt, fährt der Sprühkopf bereits das erste Mal von oben nach unten an mir vorbei und taucht damit meine komplette Vorderseite in ein schönes Sommerbraun, so hoffe ich. „Bitte drehen Sie sich nun, sodass der linke Fuß auf drei und der rechte Fuß auf vier steht“. Wieder folge ich ihren Anweisungen. Nachdem der Sprühkopf unten angekommen ist, werde ich aufgefordert meinen Arm zu heben, bevor die Sprühvorrichtung noch einmal nach oben fährt. So drehe ich mich beschwingt in der Kabine, halte immer wieder kurz mein Atmen an, bevor ich mich wieder in die nächste Position begebe. Als ich gerade im Flow bin, spinnt die Sprechanlage und es kommen nur noch abgehakte Sätze heraus. Das Einzige, was ich höre ist R R R aus. Ich erinnere mich an die Worte der netten Frau zurück, die so etwas sagte wie: „Dit Einzige, wat Se beachten müssen, is dat die Maschine sich am Ende selbst reinigt. Dit heißt, sie müssen unbedingt vorher die Kabine verlassen, ansonsten sind Se nass wie ne Pudel und die Farbe wird an Ihnen herunterloufen, dit wollen Se ja sicher nich.“

Da ich das nicht will, hechte ich aus der Kabine, noch pitschnass von der braunen Farbe. Als ich die Kabine gerade verlassen hatte, ertönt ein Geräusch, wie von einem Föhn. Mist, denke ich. Zu früh rausgesprungen. In dem Moment schließt sich die Kabine, ein Plätschern, also die Selbstreinigung folgt, bevor die Lichter komplett aus gehen. Notgedrungen entschließe ich mich dazu, mich Alternativ selbst zu trocknen, indem ich mir mit meinen Händen zu fächere. Der nächste Schock folgt, als ich in den Spiegel blicke und erkenne, dass ich vergessen hatte mich abzuschminken. Die braune Suppe, die sich über mein geschminktes Gesicht gelegt hat, ist alles andere als ansehnlich.

Eines ist klar: Würde ich mich jetzt anziehen, sähe ich aus wie ein Streifenhörnchen. Also entscheide ich mich dazu, nur mein Kleid und meine Jacke anzuziehen. Meine Unterwäsche stopfte ich tief in meine Tasche. Bis nach Hause waren es nur zwei U-Bahn-Stationen, das würde ich schon schaffen. Überzeugt von meinem Plan schiebe ich die Tür einen kleinen Spalt auf und bin froh, dass die Frau gerade beschäftigt ist und somit keinen genaueren Blick auf mein Ergebnis werfen kann. Ich winke ihr aus der Entfernung zu, bedanke mich und husche dann schnell aus der Tür. Es ist dunkel, aber am Kudamm herrscht noch das rege Leben. Zwei Mädels pressen sich an mir vorbei und wollen wahrscheinlich noch ihren Teint für den nächsten Diskobesuch am Wochenende auffrischen. Zum Glück befindet sich die U-Bahn-Station genau vor der Tür und so tauche ich vor den urteilenden Augen der Außenwelt in die gnädigere Unterwelt ab.

Ich laufe die Treppen hinunter, vorbei an den Backshops, eine weitere Treppe hinunter zu den U-Bahnen und hoffe, dass ich Niemanden Bekanntes treffe. Ein wenig Stolz darüber, wie ich diese missliche Lage meistere, ruiniert der Windzug der einfahrenden Bahn, der mir mein Kleid einmal um die Ohren wirbelt, den gerade noch gefeierten Plan.

Etwas zu faken, was man nicht ist, fliegt einem dementsprechend irgendwann immer um die Ohren! Damit meine ich nicht, sich in sein Zukunfts-Ich hineinzufühlen, sich seiner besten Version von sich anzunähern – das ist nichts Verwerfliche. Sondern vorzugeben, jemand völlig anderes zu sein. Egal, ob äußerlich oder innerlich.

Wahrscheinlich ist diese wahre Geschichte auch der Grund, warum ich mich jahrelang nicht an Bräunungscremes herangetraut habe. Doch als ich den Roten Teppich in Berlin gegen Down Under tauschte, bekam das Thema Fake Tan noch einmal einen ganz anderen Stellenwert. Obwohl es hier durchaus genug Sonne für alle gab, liebten die Australier*innen ihren Fake Tan mehr als alles andere. Denn hier, wo sich das Leben in Bikini und Badeshorts am Strand abspielt, konnte ich es verstehen, dass eine schöne Sommerbräune gewünscht ist. Unweigerlich stellte sich mir jedoch die Frage:

Warum „gebräunt sein“ für uns überhaupt ein Schönheitsideal darstellt?

„So kam eine Studie der Universität Heidelberg zu dem Ergebnis, dass gebräunte Haut vor allem in den Industriestaaten des Westens als Schönheitsideal gelten und demnach von vielen angestrebt wird. Dies bestätigte eine Umfrage der Apothekenumschau, welche ergab, dass gebräunte Haut mit Attraktivität in Zusammenhang gebracht wird.“

Vielleicht aber auch ein Zeichen dafür ist, dass man es sich leisten kann, draußen zu sein, bestenfalls am Strand in der prallen Sonne zu liegen und sich the good life auf den Bauch scheinen zu lassen.

Dass Schönheitsideale nicht allgemein gültig sind, ist bekannt. Schließlich gibt es genügend andere Kulturen, wo das genaue Gegenteil, also blasse Haut, als DAS Ideal für Schönheit gilt.

Ich für meinen Teil mag eine gesunde Bräune – das gebe ich zu. Und auch, wenn ich damit sicherlich nicht immer verantwortungsbewusst umgegangen bin (in Australien und Neuseeland auch gerne mal den Sonnenschutz vermieden habe), gehe ich mittlerweile lieber dem sicheren, australischen Ansatz nach. Sich nicht allzu lange und schon gar nicht ungeschützt den UV-Strahlen auszusetzten. Nicht nur, weil diese der Hauptgrund für eine frühzeitige Hautalterung darstellen, sondern vielmehr, weil sie ebenso gesundheitsschädlich sind. Aber das ist ein anderes, weitreichenderes Thema.

Zurück zu „Fake it till you make it“? Was heißt das eigentlich?

„Täusche es vor, bis du es schaffst“ – ist denke ich eine sehr negativ gewählte Übersetzung. Jene, die unterstellt, dass man etwas nur vortäuscht, was aber eben nicht der Wahrheit entspricht. Etwas, das in der heutigen Instagram Welt vielen unterstellt wird. Aber vielleicht liegt die Wahrheit auch irgendwo dazwischen. Beispielsweise darin, dass man immer nur einen Ausschnitt des Lebens einer echten Person zu sehen bekommt. Und wenn sich diese eher auf die positiven Aspekte bezieht, ist das wirklich so verwerflich?! Schließlich befassen sich die Nachrichten auch zu 90 Prozent mit Shocking News und zeigen damit ebenso nur einen Ausschnitt von diesem wunderbaren Planeten?!

Jeder, wie er oder sie mag. Ich entscheide mich bewusst dazu, das Positive zu sehen und damit für die Übersetzung „Tu so, dann wirst du so.“

Diesen Ansatz verfolgt auch die Kunst der „Manifestation“. Indem man sich eine bestimmte Sache oder einen bestimmten Zustand, den man erreichen will, immer wieder vorstellt (und natürlich auch die nötigen Dinge dafür tut) und ihn mit Emotionen auflädt, wird dieser schneller zu unserer neuen Realität. Denn unser Unterbewusstsein kann hier nicht zwischen Wahrheit und Fake unterscheiden. Daher hilft diese Technik die eigenen Träume zu erreichen – was soll daran schlecht sein?!

Bräunungsgel, für deine perfekte Sommerbräune

Ob das jetzt heißt, dass man seine gewünschte natürliche Sommerbräune das ganze Jahr über halten kann, ohne etwas dafür zu tun, wage ich zu bezweifeln. Aber vielleicht findet man ein Produkt, das weniger traumatisierend ist als mein Self-Tanning-Erlebnis.

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