Von Size Zeros, Petites über Inbetweenies, Curvies bis hin zu Plus Sizes und die Suche nach der passenden Kategorie

„Miss Germany wird das neue Gesicht unseres Covers. Das Shooting wird in einem Spa über den Dächern Berlins stattfinden. Allerdings hätte ich gerne noch zwei Models, die im Hintergrund sitzen, für den Vibe. Kannst du mal bei den Agenturen anrufen?“, ruft sie mir zu, als sie die drei Stufen weiter nach oben in ihr Büro geht. Ich hingegen sitze mit meinen Kolleginnen im Vorraum unseres kleinen Charlottenburger Büros. Ich liebe es die Covershootings zu organisieren. Mich neben den Models auch um jemanden für Haare und Make-up zu kümmern, sowie Location und Outfit Scouting zu betreiben. „Wie weit im Hintergrund sitzen die Models denn? Wird man sie mit den ganzen Covertiteln überhaupt sehen?“, frage ich. „Sie sind eben im Hintergrund, verschwommen wie immer. Die Titelanordnung machen wir später“, antwortet sie. „Müssen es dann unbedingt Models sein? Wenn wir ihnen keine Bezahlung bieten und man sie sowieso nicht wirklich sieht, glaube ich nicht, dass die Agenturen begeistert sein werden. Wir können uns doch in den Hintergrund setzen“, schlage ich vor und nicke meiner Kollegin zu, die wenig begeistert schaut. Im gleichen Moment bricht großes Gelächter aus dem oberen Büro aus. „Aufs Cover. Ihr?!“

Curvy zu sein, bevor dieser Begriff überhaupt geboren wurde, war nicht immer ein Leichtes. Besonders, wenn man an der Berliner Fashion Week und ähnlichen Veranstaltungen unterwegs war. Damals war ich einfach dick, denn es wurden noch keine unterschiedlichen Kategorien gebildet. Und da die Models auf den Laufstegen zu diesen Zeiten noch besonders abgemagert waren, war es ein leichtes dick zu sein, denn neben ihnen sah auch jede schlanke Frau zu dick aus.

Die Zeiten der Mode haben sich zum Glück geändert – Hallelujah!

…und trotzdem bedarf es noch viel Aufarbeitung.

„Du solltest wirklich was im Curvy Bereich machen“, „Du hast so eine tolle Ausstrahlung. Wow“ flattern die Nachrichten Jahre später in meine DMs.

Ich stehe schon immer gerne vor der Kamera. Aber daraus mehr machen?! Dazu waren die Meinungen aus vergangenen Tagen damals noch zu tief eingebrannt. Bis ich in Hamburg zufällig auf eine erfolgreiche Curvy Bloggerin treffe und sie mir meine erste Kooperation vermittelt. Mehr und mehr tausche ich mich mit anderen Curvy Bloggerinnen aus und stoße dabei auf eine ganz andere Problematik. Auf einmal bin ich für vieles zu dünn. Kooperationen, die ab Größe 42 starten, passen, nur hier und da ist mal ein Teil ein bisschen zu groß. Alles, was ab 44 losgeht, kann ich nicht annehmen, weil die Sachen einfach zu groß sind.

Zu dick für den „normalen“ Einzelhandel, zu dünn für Curvy Geschäfte

Ich denke jede Frau kennt das Phänomen der verschiedenen Größen in ihrem Kleiderschrank. Bei H&M trage ich eigentlich immer L, manchmal eine M, manchmal eine XL, es war auch schon mal eine S dabei und es gab auch schon Lederhosen, die in XXL nicht gepasst haben. Also bestelle ich meine Sachen immer in drei Größen – eine davon wird passen. Im nächsten Geschäft ist es wieder anders. Wäre es nicht sinnvoll eine einheitliche Größenangabe zu statuieren, anstatt uns in sinnlose Kategorien zu stecken.

Heute kann ich darüber lachen und lasse mich von einer Nummer nicht mehr verunsichern. Aber ich erinnere mich auch noch an Zeiten, an denen diese Zahlen mir meinen Tag vermiesen konnten. Wenn eine 42 nicht mehr passte und die Verkäuferin dann lauthals durch den Laden schrie: „Das ist leider schon die größte Größe, die wir haben“ oder ich in Thailand bereits an der Tür eines Ladens verwiesen wurde, weil meine Größe dort auf keinen Fall zu finden wäre. Was das mit einem jungen Mädchen machen kann – wie verzehrt die eigene Körperwahrnehmung wird – muss ich denke ich nicht weiter ausführen…

Kurvig heißt aber nicht automatisch Plus Size“, werden einige einwerfen, denn dieser Begriff bezieht sich auf die Taille-Hüfte-Differenz und ist damit in jeder „Kategorie“ und Größe zu finden.

„Also wenn ich dich im Vergleich zu den anderen Curvy Bloggerinnen sehe, dann bist du schon sehr dünn“, „Dir steht ja noch alles. Ich weiß nicht, ob Frauen, die wirklich Plus Size haben, sich mit dir überhaupt identifizieren können…“

Frauen gibt es nicht nur in allen Größen und Formen, sondern die Größen ändern sich zudem auch noch von Marke zu Marke. Die Größen sind nicht das Problem, sondern die Kategorien, in die wir gesteckt werden, die so viel mehr sagen… Was wie ein Kompliment klingen soll, ist auf der einen Seite auch wieder eine Ausgrenzung und macht es demnach für Midsize-Trägerinnen auch nicht einfacher, sich einzuordnen. Auf der anderen Seite schwingt mit, dass Curvy zwar schöner klingt und der Markt dafür auch größer zu sein scheint, doch es hat auch etwas Abwertendes.

„Echte Frauen haben Kurven“

heißt es dann wieder, aber bloß nicht zu dick. Und was ist mit den Frauen, die keine Kurven haben?

Ich denke der Mensch braucht Kategorien, um etwas einordnen zu können. Wir vergleichen, um eine Bemessungsgrenze zu haben und somit etwas als „gut“ oder „schlecht“ bewerten zu können. Es fällt uns schwer, etwas als Einzelnes zu betrachten und es einfach so hinzunehmen. Doch mit jeder Kategorisierung grenzen wir auch alle, die nicht in Schema F fallen, aus.

Die ganze Bodypositivity Kampagne, die einen super ersten Anstoß gegeben und viel verändert hat (das will ich gar nicht bestreiten), hängt mittlerweile aber auch vielen zum Hals heraus. Auf einmal soll man alles an sich lieben, jede*r zeigt seine Dehnungsstreifen demonstrativ in die Kamera. Ja, Dehnungsstreifen sollten normalisiert werden, wie vieles andere auch, aber gehen wir damit nicht gleich in das nächste Extrem über? Immer mehr Fokus darauf zu legen? Auch, wenn es normalisiert ist, müssen wir wirklich alles an uns feiern? Löst nicht genau das auch einen gewissen Druck aus?

Ich persönlich befinde mich irgendwo in der Mitte. Also bin ich, wie in allen Lebensbereichen, ein In-betweenie – den Begriff habe ich letztens erst entdeckt und mich darin zu 100% wiedergefunden. Ich akzeptiere mich, ich mag mich. Auch, wenn es ein langer Weg war. Aber liebe ich deshalb alles an mir? Nein. Aber ich bin fein mit mir! Ich lege meinen Fokus lieber auf die Sachen, die ich mag und unterstreiche diese, anstatt zu fokussieren, was mir vielleicht nicht so gut gefällt und es dann gezwungenermaßen feiern oder verdecken zu müssen.

Ich akzeptiere einfach, dass es viele unterschiedliche Formen, Größen sowie Merkmale gibt. Wir sind alle so unterschiedlich, dass eigentlich jede*r von uns seine eigene Kategorie bräuchte – und das ist auch gut so.

 

 

 

 

 

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