„Der Weg ist das Ziel“

Zwar strahlt uns dieser Spruch oft von Küchenwänden und Postkarten entgegen oder geht bei manchen im wahrsten Sinne des Wortes unter die Haut – doch scheint es, als wenn unsere Gesellschaft sich im Dauerlauf Richtung Ziel befindet.

Kann ein Lebensmodell automatisch als Lebensziel für eine komplette Gesellschaft unterstellt werden? Oder sollten auch andere Lebensformen, bewusst oder unbewusst gewählt, akzeptiert werden? Kann man einer Frau, die mit 30 Jahren noch nicht verheiratet ist und noch nicht an Kinder denkt, Glauben schenken, wenn sie sagt, dass sie sich bewusst dafür entschieden hat? Oder werden hinterrücks die mitleidigen Blicke ausgetauscht und mit dem Finger auf die Uhr getippt?!

Ist es möglich, dass diese Ziele zwar als erstrebenswert erachtet werden und in ferner Zukunft vielleicht auch erfüllt werden wollen, aber sich auf dem Weg dorthin so viele andere Träume, Erlebnisse und Erkenntnisse entwickelt haben, sodass das eigentliche Ziel selbst ein wenig in die Ferne gerückt ist? Und was, wenn man alles erfolgreich vor der dirty thirty erreicht hat und sich dann fragt, ob es das jetzt schon war? Ist man vielleicht nicht unbedingt glücklicher, wenn man all das von seiner Liste streichen kann? Oder doch?!

Sollten wir aufhören zu denken, dass das Leben mit Dreißig bereits vorbei ist und damit diesen aufregenden Weg, der sich Leben nennt, noch ein wenig verlängern? Sollten wir aufhören immer nur mit Scheuklappen auf das Ziel loszurennen und dabei das Ganze drum herum verpassen?

Von San Fran nach LA – wenn der Weg das Ziel ablöst

Ich sitze in einem Café in San Francisco entfernt. Da das Musikhostel, das Bandabende veranstaltet, keine eigene Küche hat, bekommen wir Rabattmarken für das Frühstück in diesem Café. Meine Tage in der Stadt mit der großen roten Brücke sind bereits gezählt und so sitze ich mit meinen gepackten Koffern frühmorgens allein und verschlinge meinen Bagel sowie meinen Erdbeer-Shake. Was als nächstes kommt ist noch nicht klar. Das Ziel? LA. Aber den Weg dorthin habe ich noch nicht ausgewählt. Eigentlich wollte ich mir ein Auto mieten und den begehrten Highway 1 nach LA fahren. Doch das mit dem Auto mieten gestaltet sich schwieriger und teurer als erwartet. Ich will das Auto ein bisschen außerhalb der Stadt mieten, weil ich Angst vor den ganzen Hügeln in der City habe. Doch an diesem Feiertag haben die meisten Autovermietungen geschlossen. Die Alternativen wären Bus oder Flugzeug. Allerdings ist in dieser Variante wirklich der Weg das Ziel, also das Sehenswerte. Mit den beiden genannten Möglichkeiten müsste ich darauf komplett verzichten. Als ich nach zwei Stunden immer noch kein Auto buchen kann, weil es entweder utopisch teuer, nicht für den Tag verfügbar ist oder ein besonders Dokument benötigt, das ich nicht besitze, organisiere ich mir kurzerhand ein Uber und fahre zum Flughafen. Vor Ort würde ich dann alles weitere entscheiden. Die verschiedenen Autovermietungen sitzen alle nebeneinander aufgereiht, ich folge meinem Bauchgefühl zu einer älteren Dame, die am Schalter einer mir fremden Vermietung sitzt und erkläre ihr mein Debakel. Zu meiner Verwunderung bestätigt sie mir den utopischen Preis für ein Mietwagen für zwei Tage. Grund: Abhol- und Abgabeort stimmen nicht überein. Als ich mich gerade enttäuscht umdrehen will, pfeift sie mich zurück. „Wenn ich sie wäre, dann würde ich jetzt auf die Internetseite gehen, die Daten auswählen und dann unten dieses versteckte Fenster öffnen, wo sie eintragen können, dass sie kein US-Bürger sind, also von Overseas kommen, und zack kostet das Auto nur noch ein Drittel.“, sagt sie und lächelt mich an. Gesagt, getan. Mein Bauchgefühl hatte mich nicht getäuscht und so sitze ich eine halbe Stunde später, samt Gepäck und ohne Navi, in meinem Auto und stürze mich in das Abendteuer Roadtrip allein. Über ein paar Umwege finde ich den Highway 1, dem ich jetzt nur noch Richtung Süden folgen muss. Obwohl dies die langsamere Variante ist und das Ziel noch in weiter Ferne, ist dies die beste Entscheidung, die ich treffen konnte. Genau dieser Teil ist das absolute Highlight meiner gesamten Reise. Hier habe ich die schönste Natur gesehen, am meisten über mich selbst gelernt und bin über mich hinausgewachsen. Denn ich habe mir allein ein Auto gemietet, was ich zuvor noch nie getan hatte, bin damit in einem fremden Land allein gefahren, habe allein in einem gruseligen Motel geschlafen und denke noch heute daran zurück, wie mir der Wind um die Ohren und ein Gefühl von absoluter Freiheit durch jede Faser meines Seins zog.

Wir Menschen sind zu schnelllebig geworden. Wir geben zu schnell auf. Klappt etwas nicht auf Anhieb, glauben wir es funktioniert nicht. Ist Humbug. Eine Lüge. Nicht für uns gemacht. In Wirklichkeit haben wir dem Ganzen aber nie eine wirkliche Chance gegeben. Hätte ich bereits aufgegeben, als ich nicht auf Anhieb einen Mietwagen buchen konnte, hätte ich den besten Teil meiner Reise verpasst. Schauen wir uns Kinder an, scheint diese Denkweise völlig absurd. Würden sie nach ihren ersten Gehversuchen aufgeben, würden wir noch heute auf allen vieren krabbeln.

Das Leben im Jetzt-Moment

Wir erwarten, dass wir etwas, dass wir uns über Jahre angeeignet haben, in Sekunden ändern können.

Alles, was wir über ein Jahr des vollen Genusses zugelegt haben, soll in einer 90 Tage Challenge wieder von den Hüften verschwunden sein.

Glaubenssätze, die uns ein Leben lang eingetrichtert wurden, sollen in einem Life Coaching nach 3 Wochen wieder verschwinden.

Unsere Haut, auf die wir jahrelang keine Acht gegeben haben, soll sich durch eine Creme über eine Woche hinweg um 180 Grad drehen.

Führt man sich das einmal vor Augen, sollte uns von allein bewusstwerden, dass dies nicht möglich ist. Trotzdem sehe ich genau das immer wieder bei meinen Kund*innen.

Und genau das macht sich die Werbung zu Nutze und verkauft uns einen Traum:

-10kg in 4 Wochen, sorgenlos in 6 Wochen und faltenfrei in 2 Wochen.

Leider ist es nicht so einfach. Erfolge erzielen diejenigen, denen Durchhaltevermögen kein Fremdwort ist. Es gibt so viele Hilfen und Tools, aber die Extrameile müssen wir immer noch selbst gehen.

„Wenn ich dir sagen würde, dass sich deine Haut mit diesem Produkt verbessern würde, würdest du es dann R E G E L M Ä S S I G anwenden?“ – JA! …nach zwei Wochen und keiner augenscheinlichen Veränderung sieht es dann wieder anders aus.

Die Haut braucht 4-6 Wochen, um sich umzustellen. Ebenso haben sich sportliche Erfolge bei mir erst nach einigen Wochen bemerkbar gemacht. Warum? Weil alles im Leben ein Prozess ist. Benutze ich eine Creme einmal, werde ich keinen Erfolg sehen. Passe ich meine Pflege langfristig an, schon. Lese ich ein Buch einmal, bin ich nicht automatisch schlauer. Sondern nur, wenn ich das Gelernte auch immer wieder anwende. So wie ich auch nicht ans Ziel komme, indem ich einen Schritt mache, sondern in dem ich einen Schritt nach dem anderen mache, bis ich die Ziellinie durchlaufe.

Und dann? Wie lange hält das Glücksgefühl an der Ziellinie an? Was, wenn die Glückwünsche, der Jubel und das Konfetti verflogen sind?! Erinnere ich mich dann an die Sekunde, in der ich die Ziellinie passiert habe oder doch eher an das monatelange Training, die Momente voller Schweiß und Tränen, in denen ich über mich hinausgewachsen bin?

Weiß ich es vielleicht mehr zu schätzen, wenn mir nach konsequenter Anwendung auf einmal ein strahlendes Lächeln, ein reines, gepflegtes, gesundes Hautbild aus dem Spiegel entgegenblickt?

Eine Haut, in der ich den weiteren Weg auch ungeschminkt beschreiten würde, weil ich mich so wohl in ihr fühle?

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